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Fritz Vahrenholt ¬Ė vom Umweltsch√ľtzer zum Klimaleugner
der Bundesvorsitzende Michael M√ľller

Michael M√ľller, der Bundesvorsitzende der Naturfreunde Deutschland e.V. setzt sich intensiv mit √Ąu√üerungen von Fritz Vahrenholt, dem ehemaligen Hamburger Umweltsenator zum Thema Klimaerw√§rmung auseinander:

Der Klimaschutz ist eine Menschheitsherausforderung, er darf deshalb kein Tummelfeld f√ľr Wichtigtuer sein. Doch ausgerechnet der fr√ľhere Umweltsch√ľtzer und heutige RWE-Manager Fritz Vahrenholt sch√ľrt populistische Vorurteile, ist gleichsam ein Klima-Sarrazin. Zweifellos hat sich Vahrenholt in den 1970er- und 80er-Jahren durch die Aufkl√§rung chemischer Gefahren (¬ĄSeveso ist √ľberall¬ď) und durch seine T√§tigkeit im Umweltbundesamt Verdienste erworben. Danach ist er jedoch zu einem Lautsprecher √∂konomischer Anpassung und zu einem Vorreiter der Verharmlosung geworden. Aus dem Atomkraftgegner wurde ein Bef√ľrworter der Laufzeitverl√§ngerung, aus dem scharfen Kritiker der Umweltzerst√∂rung ein Klimaleugner.

Der Kampf gegen die Erderw√§rmung wird teuer und unbequem, verlangt Mut und Verantwortungsbewusstsein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in unserem Land eine √∂koreaktion√§re Gegenbewegung meldet. Der fr√ľhere Umweltmann Vahrenholt vertritt die steile These, dass der Klimawandel weit √ľberwiegend nicht vom Menschen verursacht w√ľrde und pr√§sentiert sich dem erstaunten Publikum als einsamer Mahner, den Klimaschutz nicht zu √ľbertreiben. Durch seine √Ėko-Vergangenheit ist das √ľberraschend, schnell wird √ľbersehen, dass diese Thesen sonst nur von ignoranten Rabulisten am rechten Rand der Gesellschaft vertreten werden.

Vahrenholt hat zusammen mit einem klimatologisch mitdilettierenden Weggef√§hrten des RWE, den Geologen Sebastian L√ľning, f√ľr Hoffmann und Campe in dem Buch ¬ĄDie kalte Sonne¬ď in dreister Verschleierung zusammengeschrieben, was das Geheimnis hinter den Innovationsblockaden von RWE gegen die Energiewende ist: Mit Aussagen wie ¬ĄKlimal√ľge¬ď, ¬ĄWissenschaft-Politik-Zeitgeist¬ď, ¬ĄDie L√ľge der Klimakatastrophe¬ď oder ¬ĄCO2-L√ľge¬ď werden die weitreichenden umweltpolitischen Befunde des Weltklimarates (IPCC) als Halbwahrheiten und Verschw√∂rungen hingestellt. Zwar leugnen die beiden Autoren den Klimawandel nicht, aber sie geben die Verantwortung daf√ľr weit mehr der Sonne als etwa dem wichtigsten Treibhausgas Kohlendioxid (CO2). Sie behaupten, dass sich die Erde in den kommenden 25 Jahren noch etwas abk√ľhlen werde. Als Hauptgrund nennen sie die sich abschw√§chenden Sonnenaktivit√§ten. Die Folge: Ein globales Abkommen zum Klimaschutz sei nicht dringend. Der Weltklimarat (IPCC) w√§re blamiert.

H√§tte die Autoren mit ihren Thesen Recht, m√ľssten sie sich der wissenschaftlichen Debatte stellen und einen Aufsatz in Nature oder Science ver√∂ffentlichen, wissenschaftliche Zeitungen, die f√ľr Seriosit√§t und Kompetenz stehen. Das tun sie nicht, keiner der Autoren ist ein Klimaforscher und sie wissen, dass sie den H√§rtetest nicht bestehen w√ľrden. Das Ganze ist so schief wie die Frage: W√ľrden Sie bei Herzschmerzen zum Zahnarzt gehen?

Die Zentralthese hei√üt: Der anthropogene Klimawandel spielt keine entscheidende Rolle, entscheidend seien die Sonnenaktivit√§ten. Wir h√§tten viel mehr Zeit f√ľr den Klimaschutz, es g√§be keine akute Gefahr, so Vahrenholt und L√ľning. Sie verhalten sich wie die Spekulanten, die uns in die Finanzkrise gef√ľhrt haben, sie vertreten fragw√ľrdige, aber nicht reale Erwartungen. Ganz so wie die Geldh√§ndler arbeiten sie nicht mit gesicherten Fakten. Sie glauben, dass die nat√ľrlichen Faktoren den anthropogenen Klimawandel abschw√§chen w√ľrden und der wiederum deutlich geringer sei, als bisher behauptet w√ľrde. Sie gehen von einer Abschw√§chung der Sonnenaktivit√§ten aus, die einen zentralen Einfluss auf das Klima haben. Zwar stimme, dass Kohlendioxid das Klima aufheizt, aber l√§ngst nicht so stark wie behauptet. Mindestens die H√§lfte der bisherigen Erderw√§rmung ging auf eine verst√§rkte Aktivit√§t der Sonne zur√ľck. Das sei seit Beginn des neuen Jahrtausends vorbei und w√ľrde sich absehbar nicht mehr ver√§ndern. Von daher, so Vahrenholt und L√ľning: Entwarnung.

Sie st√ľtzen sich auf Arbeiten amerikanischer und britischer Forscher, die f√ľr das 21. Jahrhundert eine sehr viel geringere Aktivit√§t prognostizieren. Das ist auch nicht bestritten. Sie behaupten, die nat√ľrlichen Klimaschwankungen, die durch oszillierende Meeresstr√∂mungen und die Strahlung der Sonne hervorgerufen w√ľrden, seien viel entscheidender f√ľr den Klimawandel als CO2. Dabei haben sich der Weltklimarat und die Enquete-Kommission ¬ĄSchutz der Erdatmosph√§re¬ď des Deutschen Bundestages wie auch die Klimaforschung allgemein intensiv mit dem nat√ľrlichen Faktoren des Klimawandels und seinen Wechselwirkungen mit dem anthropogenen Treibhauseffekt besch√§ftigt. Die Thesen von Vahrenholt und L√ľning sind mehrfach widerlegt oder h√∂chst umstritten. Doch sie behaupten, Tausende von Wissenschaftler, die seit Mitte der 1990er-Jahre in dem IPCC-Prozess zusammenarbeiten, irren sich:

  • Die Erderw√§rmung sei zum Stillstand gekommen.
  • Falsch sei das zentrale Forschungsergebnis des IPCC, die vom Menschen emittierten Treibhausgase wie Kohlendioxid verursachen einen globalen Klimawandel.

Wenn das stimmte, m√ľsste die Wissenschaft einpacken. Weltweit gibt es keinen aufwendigeren Forschungsprozess als im IPCC. Das IPCC betreibt selbst keine Forschung, schon deshalb ist der Hinweise der Verschw√∂rung absurd, fasst aber alle relevanten Forschungsergebnisse zusammen. Die Beratungen der Forscher aus aller Welt durchlaufen drei Runden, in denen jeder Forscher seine Position, Anregung und Kritik zu der Vorlage der Leadautoren einbringen kann, die alle in den Protokollen des IPCC festgehalten werden m√ľssen. Tats√§chlich hat das IPCC die Sonnenaktivit√§ten nicht vernachl√§ssigt. Hunderte Forscher besch√§ftigen sich mit den Sonnenaktivit√§ten und dem Vulkanismus. Auch das Thema Ozeane geh√∂rt zu den Schwerpunkten des IPCC, genauso wie der Einfluss der biogenen Faktoren.

Nachzulesen ist nicht nur bei Vahrenholt und L√ľning, sondern auch beim IPCC, dass es in den 1950er- und 1960er-Jahren ein Maximum der Sonnenaktivit√§ten gegeben hat, die seitdem abnehmen. Als Beispiel f√ľr ihre These f√ľhren die Leugner des anthropogenen Klimawandels jedoch an: Auch in der Abk√ľhlungsphase, die zwischen 1645 und 1715 zu verzeichnen war, wurden viel weniger Sonnenaktivit√§ten beobachtet als davor und danach. Damals gab es in Europa und Noramerika extrem kalte Winter. Und heute, so die Studien der University of Reading (GB), d√ľrfte die Abschw√§chung bis zu 90 Jahren dauern.

Damals waren aber, was Vahrenholt und Leuning verschweigen, vor allem die Folgen schwerer Vulkanausbr√ľche f√ľr die Abk√ľhlung verantwortlich. Dadurch wurden Schwefel und Aerosole in die Troposph√§re geschleudert, die das Sonnenlicht blockieren und die Erde abk√ľhlten. √Ąhnliche Folgen hat beispielsweise vor drei Jahren der anerkannte US-Klimaforscher Ramanathan f√ľr China beschrieben. Durch die extreme Luftverschmutzung in China wird der Klimawandel ged√§mpft und das ¬Ė aufgrund der Bedeutung des Landes ¬Ė sogar global. W√ľrde dort eine konsequente Luftreinhaltungspolitik betrieben, w√§re die globale Erw√§rmung bereits deutlich h√∂her.

Joachim Marotzke vom Deutschen Klimaforschungszentrum in Hamburg beschreibt Vahrenholt als einen, der zwar viel gelesen, aber wenig verstanden hat. Vielleicht aber ist es auch anders. Es geht in einer energiepolitischen Schl√ľsselsituation, bei der es auch um die Zukunft von RWE geht, um die gezielte Verbreitung von Unsicherheit, ob dieser schwierige Weg √ľberhaupt sinnvoll ist. Denn Vahrenholt und L√ľning nutzen f√ľr ihre These Theorien, die entweder widerlegt oder h√∂chst umstritten oder wo die Fakten ungekl√§rt sind:

  • Es gibt keine gesicherte Datenlage √ľber lange Zyklen der Sonnenaktivit√§ten, so dass die Daten unsicher sind. Das wird von den Autoren verschwiegen, nicht aber vom IPCC.
  • Das UV-Licht in der Sonnenstrahlung soll eine selektive Verst√§rkung f√ľr die Erw√§rmung haben. Wie jedoch die W√§rme von dort auf die Erdoberfl√§che kommen soll, ist ungekl√§rt. Die Autoren erkl√§ren nichts.
  • Die Behauptung, dass kosmische Strahlungen, die sonst von der Sonnenaktivit√§t abgeschirmt werden, die Wolkenbildung f√∂rdern und damit die Temperatur mitpr√§gen, ist in den wissenschaftlichen Untersuchungen, zuletzt am europ√§ischen Forschungszentrum in Cern, nicht best√§tigt worden.

Die Klimaforscher weisen zudem darauf hin, selbst wenn es ungekl√§rte Effekte g√§be, die nicht so gro√ü w√§ren, dass die Klimaprognosen grunds√§tzlich revidiert werden m√ľssten. Kurz: Sonnenzyklen beeinflussen den Klimawandel nur wenig. Das best√§tigen auch drei neuere Studien:

  • Die University Boulder (Colorado), best√§tigt auch durch Untersuchungen des Klimainstituts in Potsdam, ver√∂ffentlichte in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters, dass l√§ngere Abk√ľhlphasen weniger durch geringere Sonnenaktivit√§ten, sondern durch irdische Prozesse (Freisetzung schwefelhaltigen Materials) ausgel√∂st wurden.
  • Der f√ľhrende Klimaforscher der NASA und Direktor des renommierten Goddard Institute, James Hansen, weist in dem Wissenschaftsblatt Atmospheric Chemistry and Physics nach, dass die Erde in den letzten sechs Jahren deutlich mehr W√§rme aufgenommen hat, obwohl die Sonneneinstrahlung sehr gering war. Er st√ľtzte sich dabei auf mehr als dreitausend Messbojen in den Ozeanen. Die Erde hat sich auch w√§hrend eines Sonnenfleckenminimums weiter erw√§rmt. Hansen belegte, dass die Energie- und Temperaturbilanz erst dann wieder in ein Gleichgewicht k√§me, wenn die Kohlendioxid-Konzentration auf 350 ppm reduziert w√ľrde.
  • Der Britische Wetterdienst und die University of Reading haben berechnet, dass sich die Erde bis zum Jahr 2100 lediglich um 0,1 bis 0,3 Grad C abk√ľhlen w√ľrde, wenn die Aktivit√§t der Sonne die n√§chsten 90 Jahre ausbliebe. Die reduzierte Sonneneinstrahlung reichte keinesfalls dazu aus, den anthropogenen Treibhauseffekt, der vom IPCC auf eine wahrscheinliche Erw√§rmung um 2,5 Grad C prognostiziert wird, zu neutralisieren.

Noch einmal: das IPCC arbeitet sehr intensiv im weltweiten Verbund f√ľhrender Wissenschaftler mit zahlreichen R√ľckkoppelungsrunden und Diskursen. Dabei gibt es vier Hauptarbeitsgruppen, in denen weltweit zahlreiche Institute und unz√§hlige Wissenschaftler ¬Ė in Deutschland alle f√ľhrenden Einrichtungen von Max-Planck √ľber Helmholtz bis Leibniz - jahrelang beteiligt werden:

  • wissenschaftliche Grundlagen,
  • Auswirkungen und Anpassungsstrategien,
  • die M√∂glichkeiten zur Bek√§mpfung,
  • Synthesebericht und weitere Aufgaben.

Das, was dort zusammengetragen und intensiv beraten wird, soll, wie Vahrenholt und L√ľning behaupten, ¬Ągef√§hrliche Schwarz-wei√ü Malerei¬ď, Simplifizierung¬ď und ein ¬Ądefizit√§rer Konsensfindungsprozess¬ď sein. Dabei m√ľssten sie doch genau wissen, wie sehr auf den IPCC-Beratungen vor allem die Delegationen gro√üer L√§nder wie USA, China, Indien, Australien oder Brasilien, die aus harten eigenen wirtschaftlichen Interessen den anthropogenen Klimawandel m√∂glichst klein halten wollen, kritische Wissenschaftler abgeblockt haben. Die Argumentation ist simpel und f√§llt, wer die Fakten kennt, auf die Autoren zur√ľck: Abweichende Meinungen werden unterdr√ľckt, faktisch einem Publikationsverbot unterworfen, mit Entzug von Forschungsmitteln bestraft. Tats√§chlich war der Mainstream der politischen Delegationen in Paris (Februar 2007, Br√ľssel April 2007, Bangkok Mai 2007 und Valencia September 2007) nicht die √úbertreibung, sondern die Verharmlosung.

Vahrenholt ist kein Aufkl√§rer, er steht mit seinen Verschw√∂rungsthesen in der Tradition, der Linie und den Interessen von RWE. Er unterstellt den Klimasch√ľtzern eine ¬ĄPhobie gegen fossile Energietr√§ger¬ď und vertritt einen Unternehmenspatriotismus, der durch die nun auch von der schwarz-gelben Bundesregierung zumindest verbal geforderte Energiewende wie nie zuvor gef√§hrdet ist. √úber eine Energiewende sind zweifellos intensive Debatten notwendig, denn nach wie vor ist unklar, wie sie erreicht werden soll. RWE, E.on, EnBW und Vattenfall kommt es entgegen, wenn krude Verschw√∂rungstheorien ihnen mehr Zeit geben.

Bei Vahrenholt und L√ľning geht es nicht um Wissenschaft und Vernunft. Damit wirft er auch ein falsches Licht auf einen gro√üen Teil der Mitarbeiter von RWE, die diese Verschw√∂rungsthesen nicht teilen. Doch offenkundig sind die Autoren in ihrer Medienvermarktung eng mit dem Springer-Verlag und leider auch mit dem Spiegel verbunden, wobei der noch vor einem Jahr RWE als zweitgr√∂√üten Kohlendioxidverursacher kritisiert hat.

Nat√ľrlich muss sehr seri√∂s gearbeitet werden, nat√ľrlich m√ľssen alle berechtigten Hinweise gepr√ľft werden, denn der anthropogene Klimawandel hat gewaltige Konsequenzen. Das IPCC geht auch vorsichtig vor, daraus ergeben sich bereits innere Spannungen, weil zahlreiche Forscher f√ľrchten, das Gremium h√§tte eine Schere im Kopf. Dagegen ist offensichtlich, dass Vahrenholt und L√ľning die Fakten selektieren, Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen und die IPCC-Arbeiten f√ľr seine Argumentation verbiegen. Sie geben denen Auftrieb, die aus durchsichtigen wirtschaftlichen Interessen nicht handeln wollen. Sie vers√ľndigen sich an der Zukunft.

Vahrenholt und L√ľning belegen ihre angeblichen Beweise mit den ¬ĄSummarys for Policymakers¬ď, die im Gegensatz zu den umfangreichen wissenschaftlichen Grundlagen und der Zusammenfassung der Fakten nicht von den IPCC-Wissenschaftlern verantwortet werden, sondern politisch beraten und beschlossen werden. Die dem 4. Sachstandsbericht des IPCC von 2007 zugrunde liegenden ¬ĄBlauen Bibeln¬ď wurden von 1.250 Wissenschaftler aus 120 L√§ndern erstellt, weiter waren √ľber 2.500 Experten als Gutachter beteiligt.

Die Summarys sind dagegen kurze Texte bis zu 25 Seiten, die schon deshalb nicht ausreichend differenziert sein k√∂nnen. Aber daf√ľr sind schlie√ülich die wissenschaftlichen Grundlagen da. Vahrenholt und L√ľning m√ľssen sogar zugeben, dass die nicht vom Menschen verursachten Faktoren des Klimawandels in den umfangreichen Papieren des IPCC behandelt werden, aber sie argumentieren, dass sie nicht im Summary stehen. Nur m√ľssen die Summarys von politischen Delegationen nach z√§hen Verhandlungen im Konsensprinzip verabschiedet werden.

Vahrenholt und L√ľning behaupten, dass es in den letzten 12 Jahren keinen Temperaturanstieg gegeben h√§tte. Abgesehen davon, dass mehr als die H√§lfte der w√§rmsten Jahre seit Beginn der direkten Temperaturmessung in den letzten 10 Jahren lagen, geht es in der Klimaforschung nicht um kurzfristige Betrachtungen, sondern um einen Mittelwert aus 30 Jahren. Das ist ein zentraler Unterschied zwischen Wettererfassung und Klimaforschung. 1998 war zudem durch den El Nino-Effekt im Pazifik ein au√üergew√∂hnliches warmes Jahr. Die letzte Dekade war dennoch die w√§rmste, die je registriert wurde - mit den besonders warmen Jahren 2005 und 2010.

Zudem haben die Klimaforscher ausf√ľhrlich dargelegt, dass es immer wieder ¬Ė auch bedingt durch die lange Anpassungsfrist des Klimasystems von rund f√ľnf Jahrzehnten oder durch vulkanische Aktivit√§ten - zu ¬ĄStagnationsphasen¬ď kommt, ausf√ľhrlich beschrieben z. B. von Mojib Latif. In der Klimaforschung ist unbestritten, dass es keine simple Linearit√§t der Erderw√§rmung gibt, es geht um die langfristigen Trends.

Vahrenholt und L√ľning greifen die schon oft widerlegte Behauptung auf, die Hockeygriff-Kurve, die f√ľr die Klima√§nderungen der letzten Jahrzehnte steht, sei eine F√§lschung. Tats√§chlich gab es 1998 in der ersten Version der Berechnung der Temperaturen in den letzten Jahrhunderten statistische Defizite. Dennoch war auch sie, wie 2006 das National Research Council nach einer aufwendigen √úberpr√ľfung gezeigt hat, in der Grundtendenz richtig. Mehr als ein Dutzend Temperaturstudien haben das in der Zwischenzeit best√§tigt.

Vahrenholt und L√ľning √ľbernehmen ohne Hinweis auf die massive Kritik an dieser Theorie die These des d√§nischen Sonnenforscher Hendrik Svensmark, nach der das Magnetfeld der Sonne die Erde mal mehr und mal weniger stark gegen die kosmische Teilchenstrahlung abschirmt. Das habe erheblichen Einfluss auf die Wolkenbildung, die wiederum eine wichtige Rolle bei der Temperaturbildung habe. Die zahlreichen Fragen, die diese Theorie aufwirft (wie kann das sein, wenn sich in den letzten 60 Jahren keine √Ąnderung in der kosmischen Strahlung festzustellen sei, sind die kosmischen Aerosolpartikel √ľberhaupt gro√ü genug, um eine solche Bedeutung zu haben, etc.?), werden von Vahrenholt und L√ľning nicht einmal erw√§hnt.

Vahrenholt und L√ľning behaupten, dass die Orientierung am Treibhausgas Kohlendioxid falsch sei. Wie die Klimaleugner spricht er von der ¬ĄCO2-L√ľge¬ď. Sie relativieren die Bedeutung von CO2. Sein Aussto√ü bilde nur zwei Prozent im nat√ľrlichen Kohlenstoffkreislauf. Von daher, so die Behauptung, k√∂nne seine Wirkung nur gering sein. Niemand bestreitet jedoch, dass es nur um geringe Mengen bei den Treibhausgasen geht, sie machen insgesamt auch nur einen Bruchteil in der Erdatmosph√§re aus. Doch die geringen √Ąnderungen sind entscheidend. Zu Beginn der industriellen Revolution lag die Konzentration bei 285 ppm. Heute liegt sie bei 388 ppm und steigt derzeit pro Jahr um 2 ppm.

Tats√§chlich ist die Troposph√§re, in der sich Dreiviertel der Luftmasse befindet und sich das Klima haupts√§chlich bildet, nicht statisch und gleichf√∂rmig, sondern unterliegt permanenten Ver√§nderungen. Verursacht wird diese Dynamik durch die Strahlungsbilanz, den Energiehaushalt, die chemische Zusammensetzung und die globalen Luftstr√∂mungen. Sie bringen viel Bewegung in das ansonsten tr√§ge Gemisch der Luftgase. Abgesehen von den variablen Beimischungen wie Wasserdampf, dessen Menge stark schwankt und nahe der Erdoberfl√§che bis zu zwei Prozent erreicht, besteht die uns bekannte Atmosph√§re zu 99 Prozent aus molekularem Stickstoff, Sauerstoff, dem Edelgas Argon und den strahlungsintensiven Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Methan (CH4) oder Distickstoffoxid (N2O). Sie kommen vor bis in eine H√∂he von 100 Km oberhalb der Erdoberfl√§che in einem Volumenverh√§ltnis von etwa 78 (Stickstoff) zu 21 (Sauerstoff), 1 (Argon) und 0,035 Treibhausgase. Zudem existieren eine gr√∂√üere Zahl anderer Spurengase, die trotz einer verschwindend geringen Konzentration von hoher Bedeutung sind, und die Wolken. Selbst geringf√ľgige Ver√§nderungen haben eine hohe Bedeutung f√ľr das Gesamtsystem. Die Zusammensetzung der Erdatmosph√§re (vornehmlich der Troposph√§re) und die Wechselwirkungen mit anderen Bereichen des klimatischen Geschehens (Ozean, Landfl√§chen, Tier- und Pflanzenwelt sowie Eis- und Schneeschichten) pr√§gen die Lebensbedingungen auf der Erde.

Die Aussagen von Vahrenholt und L√ľning unterschlagen, dass die Menschheit seit der industriellen Revolution deutliche Spuren in der Atmosph√§re und den Ozeanen hinterlassen hat. Die Kohlendioxidmenge in der Lufth√ľlle ist ein eindrucksvoller Hinweis, denn die Konzenration war in den letzten 600.000 Jahren nie so hoch wie heute. Aus der Pal√§oklimatologie wissen wir, dass CO2 (mit den anderen Treibhausgasen) parallel zur gemittelten Erw√§rmung der Erde steigt, bzw. sinkt. Zwar ist die Menge im Verh√§ltnis zu Wasserdampf relativ gering, aber dennoch ist sie hauptverursachend f√ľr den trockenen Treibhauseffekt, der bisher entscheidend ist f√ľr den Temperaturanstieg.

Abgesehen davon, dass die IPCC-Berichte sich auch ausf√ľhrlich mit dem Einfluss der Meeressysteme und der Sonne wie auch mit weiteren Faktoren wie dem Vulkanismus auf das Klimasystem besch√§ftigen, was Vahrenholt und L√ľning nicht zur Kenntnis nehmen, so ist die Darstellung auch deshalb falsch, weil die Klimaberechnungen sowohl den trockenen wie den feuchten Treibhauseffekt behandeln. Auch das sehr wirksame Treibhausgas Wasserdampf wird behandelt ¬Ė zum Beispiel in den Studien von Prof. Flohn, dem Nestor der deutschen Klimaforschung von der Universit√§t Bonn.

Die Behauptung, die Wirkungen des Wasserdampfs w√ľrden ignoriert, ist also falsch. Auch die IPCC-Szenarien gehen nicht allein vom Anstieg der trockenen Treibhausgase und besonders des Leitgases CO2 aus. Einbezogen werden auch die Auswertung der Datenbl√§tter aus der Wetterforschung, die Pal√§oklimatologie und die mit unterschiedlichen Annahmen gerechneten Klimasimulationsmodelle. Es gibt keinen Bereich, in dem so intensiv vernetzt gearbeitet wird wie in der Klimaforschung, nirgendwo gibt es soviel √Ėffentlichkeit und einen so starken weltweiten Austausch der Fakten. Wenn Vahrenholt und L√ľning nur halb so seri√∂s arbeiten w√ľrden wie das IPCC, h√§tten sie dieses Buch nie zu Papier bringen k√∂nnen. Sie √ľbernehmen die Argumentation der Klimaleugner, deren Informationen sie, wie zu lesen ist, auch nutzen. F√ľr sie gibt es entweder keine Erw√§rmung der Erde oder sie ist nicht vom Menschen verursacht oder unsch√§dlich.

Die Klimaleugner stellen ihre Behauptungen seit √ľber 20 Jahren auf, obwohl sie schon h√§ufig widerlegt wurden, und sie wollen die wissenschaftlichen Fakten √ľber den anthropogenen Klimawandel nicht zur Kenntnis nehmen, die sich immer mehr erh√§rtet haben. Die Klimaleugner tragen mit dazu bei, dass der Klimaschutz nur langsam vorankommt. Die Medien sollten aufh√∂ren, sich zu Mitverantwortlichen einer Verunsicherung zu machen, f√ľr die k√ľnftige Generationen einen hohen Preis zahlen m√ľssen. Tats√§chlich besteht heute in der Fachwissenschaft ein breiter Konsens, dass der Mensch mit seinen Aktivit√§ten f√ľr den Klimawandel verantwortlich ist. Dazu kommen nat√ľrlich auch Faktoren wie der Feuchtigkeitsgehalt in der Troposph√§re, der Vulkanismus oder die Zahl und die Gr√∂√üe der Sonnenflecken. Entscheidend f√ľr die Klimaforschung ist jedoch, systematisch die langfristigen und √ľbergreifenden Trends zu erfassen. Das ist etwas grundlegend anderes als die (√úber-) Bewertung einzelner Ereignisse.

Im √úbrigen hat der Deutsche Bundestag bei den Anh√∂rungen der Klima-Enquete auch die Kritiker eingeladen wie z. B. den ¬Ąf√ľhrenden¬ď amerikanischen Klimawandelskeptiker Richard Lindzen vom amerikanischen MIT. Er konnte nicht √ľberzeugen. Hinter den Behauptungen ¬Ė erst: es g√§be keinen Klimawandel, dann: er sei nicht vom Menschen gemacht und schlie√ülich: er fiele nicht problematisch aus - standen oft Auftragsstudien, die zum Beispiel von der Kohleindustrie finanziert wurden. Dabei tun sich h√§ufig die konservativen Denkschulen wie das ¬ĄAmerican Enterprise Institute¬ď hervor. Die Folgen dieser Verunsicherung sind katastrophal. Die Leugner sind verantwortungslos.

 

 


 

 
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