Im Kalenderblatt erinnern wir monatlich an Personen und Ereignisse, die (nicht nur) für unsere Partei von Bedeutung waren
18. Juni 1838 - vor 175 Jahren:
Julius Motteler wird in Esslingen geboren
Im Juni-Kalenderblatt erinnern wir an Julius Motteler, einen der "Gründungsväter" der deutschen Sozialdemokratie und Reichstagsabgeordneten.

Julius Motteler
Julius Motteler absolvierte mehrere Berufsausbildungen und arbeitete zunächst als Buchhalter in einem Textilgeschäft in Augsburg. 1860 begann seine politische Arbeit im liberalen Deutschen Nationalverein, 1863 gründete er in Crimmitschau den ersten deutschen Arbeiterbildungsverein und zählte zu den Anhängern der Ersten Internationale.
1866 gehörte Motteler mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht zu den Gründungsmitgliedern der Sächsischen Volkspartei, die im damaligen Parteienspektrum als links und radikaldemokratisch positioniert war. Neben dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Ferdinand Lassalles gilt die Sächsiche Volkspartei als Vorläufer unserer heutigen SPD.
1869 wurde die Sächsische Volkspartei aufgelöst und ihr revolutionärer Flügel, mit Motteler, Liebknecht und Bebel an der Spitze, gründete schließlich in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), die im Gegensatz zur Sächsischen Volkspartei reichsweit organisiert werden sollte und als revolutionäre Arbeiterpartei in Konkurrenz zum reformorientierten ADAV auftrat und sich der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) anschloss. Motteler übernahm die Ortsgruppe der neuen Partei in Crimmitschau.
Das Nebeneinander der beiden sozialdemokratischen Parteien in Deutschland endete 1875 mit der Fusion von ADAV und SDAP zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Das Programm dieser vereinigten Partei stellte einen Kompromiss zwischen der reformistischen Tradition des ADAV und der revolutionären Programmatik der marxistisch orientierten Sozialdemokraten dar, der dann auch von Karl Marx heftig kritisiert wurde. Julius Motteler, seit 1874 Reichstagsabgeordneter der SDAP, war an der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien beteiligt und vertrat nach der Fusion zur SAP weiterhin die neue Partei im Reichstag.
Motteler hatte von Beginn an gegen Kinderarbeit und für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen gekämpft. Auch am Aufbau des deutschen Gewerkschaftswesens war er führend beteiligt.
Die stärkste Wirkung erzielte Julius Motteler als "Zeitungsmacher": 1870 gründete er die erste sozialdemokratische Zeitung Deutschlands, den "Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund". Ein Jahr nach Inkrafttreten des Sozialistengesetzes, im Herbst 1879, emigrierte Motteler in die Schweiz und organisierte von dort den illegalen Vertrieb der Parteizeitung "Der Sozialdemokrat" nach Deutschland. Dazu leitete der den illegalen Abwehrapparat der Sozialdemokratie gegen die Verfolgungsmaßnahmen der Reichsregierung, die "Schwarze Maske". Nicht zuletzt diese Untergrundarbeit, die viel zur Stabilisierung der unterdrückten Partei im kaiserlichen Deutschland beitragen konnte, hatte zur Folge, dass die Schweiz Julius Motteler 1890 auf Druck der deutschen Regierung auswies. Er emigrierte weiter nach London, wo er die Leitung der dortigen SAP-Organisation übernahm und nach dem Tode Friedrich Engels' zum Verwalter des Marx-Engels-Nachlasses bestimmt wurde.
1901 kehrte Julius Motteler nach Deutschland zurück und übernahm die Leitung der Leipziger Volkszeitung, von 1903 bis zu seinem Tode am 29. September 1907 vertrat er erneut die SPD im Deutschen Reichstag.
Die Entwicklung Mottelers vom "Sprössling" eines wohlhabenden, gutbürgerlichen Hauses über die liberalen Arbeiterbildungsvereine hin zur sozialistischen Arbeiterbewegung ist nicht untypisch für die Gründergeneration der deutschen Sozialdemokratie. Julius Motteler ist - anders als August Bebel und Wilhelm Liebknecht - allerdings leider ein wenig in Vergessenheit geraten.
Okke Wismann (Kontakt)
Diese Seite wurde übernommen von: SPD-Reinbek







